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SOZIALE
SELBSTORGANISATION

Eine praktische Anleitung
zur Gründung konkreter Projekte


WAS IST SOZIALE SELBSTORGANISATION?

    Wenn man verschiedenste menschliche Gesellschaften im interkulturellen und geschichtlichen Vergleich betrachtet, stellt man fest, dass es im Wesentlichen zwei Grundtypen von Gesellschaftsorganisation gibt, die sich klar unterscheiden lassen: Einmal Gesellschaften, die sich von unten nach oben selbstorganisieren. Dies sind insbesondere ältere Sozialwesen wie Jäger- und Sammlerhorden, Stammesgemeinschaften und die ersten Superstammeszivilisationen, die allesamt nahelegen, dass Selbstorganisation unsere ursprüngliche soziale Organisationsform ist, politisch am ehesten als "Basisdemokratie" zu verstehen. Zum anderen gibt es Gesellschaften, die eine sehr klare Systemherrschaft von oben nach unten aufbauen und erhalten. Sie sind offensichtlich zunächst durch die Aufgabenteilung und die nachfolgende Machthierarchienbildung grosser agrarischer Gesellschaften entstanden und wurden in der späteren Eroberung durch Steppenviehhirten dann klar zweigeteilt: In eine Herrscherelite aus kriegerischen Eroberern und eine beherrschte und ausgebeutete Bevölkerung von arbeitenden Eroberten. Oftmals verblieben die Eroberer zunächst in einer selbstorganisierten Stammesformation des freien Adels, während sie die Stammesgemeinschaft der allgemeinen Bevölkerung systematisch zerstörten, um die Sklaven besser beherrschbar zu machen - der römische Historiker Tacitus nannte diese Übergangsgesellschaftsform "Genea" als Unterscheidung von der reinen Stammesgemeinschaft "Gens". Aus der Genea heraus bildeten sich auch Mischformen beider Gesellschaftssysteme, etwa die sogenannte "Demokratie", die zunächst nur dem freien Adel vorbehalten war, in der dem Volk aber später eine gewisse Mitsprache eingeräumt wurde (bei den Römern etwa durch "Volkstribune"), während es tatsächlich aber weiterhin von "Oligarchen" aus der eigenen Mitte oder der alten Erobererelite regiert wurde. Der Vorteil einer Demokratie oder einer Republik ist, dass man Macht breiter verteilen und dadurch die Gesamtbevölkerung besser in das Herrschaftssystem einbinden kann, was die Gefahr von Revolutionen deutlich minimiert und das System als Ganzes stabilisiert. Bei solchen Gesellschaften ist aber zu beobachten, dass die Breite der Machtverteilung vom Masse des zu verteilenden Wohlstands abhängt. Viel Wohlstand sorgt für zunehmende Demokratisierung, Ressourcenmangel führt zur Wiedereinführung einer rigideren Herrschaft  kleiner Machteliten. Demokratie kann also politisch als die Leine des jeweils herrschenden Systems verstanden werden, mit der das Volk je nach Bedarf der Elite mal strenger herangezogen, mal freier laufen gelassen werden kann, damit es jeweils höchstmögliche Leistung für seine Ausbeuter erbringe.
    Selbstorganisation an sich ist das Grundorganisationsprinzip aller natürlichen Systeme. Irdische Natur wächst von unten nach oben wie ein Kristall oder Baum und wirkt dann in einem Rückkopplungskreislauf wieder nach unten zurück. Auch natürliche Sozialsysteme in der Tierwelt sind so aufgebaut, sogar dann, wenn sie scheinbar eine klare Machthierarchie aufweisen. Tatsächlich sind dies "Kompetenzhierarchien", die nur als Machtpyramiden erscheinen, wenn die geforderte Kompetenz aggressive Durchsetzungskraft ist. Bei Pavianen etwa besetzen die stärksten und aggressivsten Männchen Führungspositionen in der Verteidigung der Gruppe, sie werden aber von der Gruppe selbst in dieser gewünschten Rolle bestätigt und die Gruppe fällt soziale Entscheidungen ausserhalb des Verteidigungsfalles meist basisdemokratisch. Die Machthierarchien menschlicher Herrschaften sind dagegen gewaltsam auferlegt, unterdrücken basisdemokratische Tendenzen und hebeln oft natürliche Kompetenzhierarchien aus, was ersichtlich wird, wenn nicht derjenige mit den grössten Führungskompetenzen freiwillig zum Häuptling gewählt wird, wie in einer basisdemokratischen Stammesgemeinschaft, sondern der grösste Idiot den Thron erben kann, wenn er nur zufällig der Erstgeborene des Königs ist. In einer gesunden, natürlichen Kompetenzhierarchie wird den Kompetentesten in einer bestimmten Fähigkeit oder Fertigkeit freiwilig eine "natürliche Authorität" zugesprochen, die bei nicht erbrachter Kompetenz auch jederzeit wieder zurückgezogen werden kann. Ein Häuptling, der als solcher nichts taugt, wird einfach wieder abgewählt. Während Kompetenzhierarchien zur Ausbildung einer natürlichen "Meritokratie" führen, in der eine Gruppe immer von den Besten in einem jeweils erforderlichen Belang angeführt wird und somit die höchstmögliche Gesamtleistung erbringt, führt erzwungene Herrschaft immer zu einer zunehmenden Degeneration der betroffenen Gesellschaft durch ein Übermass an Inkompetenz. Deshalb können meritokratische Stammesgemeinschaften für Jahrzehntausende bestehen, während Herrschaftsimperien bestenfalls Jahrhunderte existieren, in  denen sie kurz gewaltsam aufblühen und dann unaufhaltsam zu verwelken beginnen, bis sie schliesslich an der eigenen Dekadenz und Degeneration kollabieren. Deshalb kann die Gewaltherrschaft im naturphilosophischen Sinne als eine soziale Krankheit gelten, die gesunde Kollektivwesen befällt, parasitär ausbeutet und dann wie ein Krebsgeschwür den eigenen sozialen Wirtsorganismus tötet. Oftmals führt der Kollaps eines Imperiums tatsächlich wieder zur Rückentwicklung hin zu gesünderen selbstorganisierten stammesgemeinschaftlichen Strukturen, nach dem bekannten Motto: "Nur Stämme werden überleben!" Im Idealfall können Gesellschaftssysteme, die keine reinen Gewaltherrschaften mehr sind, etwa heutige Demokratien, schon vor ihrem drohenden Kollaps beginnen, brüchig werdende Herrschaftsstrukturen durch von unten selbstorganisierte Sozialwesen zu ersetzen und so eine gesellschaftliche Transformation und Gesundung von der Herrschaft zur Selbstorganisation zu erreichen. Dies ist die grosse Chance der gegenwärtigen westlichen Kultur, deren herrschende Systemstrukturen die Gesellschaft durch eine wachsende Metakrise Richtung Kollaps führen, der aber jetzt noch durch die Entwicklung selbstorganisierter Parallelgesellschaften im gesellschaftlichen Untergrund aufzuhalten wäre. Diese Chance sollten wir jetzt tatsächlich dringend ergreifen, wozu diese Anleitung hier ganz konkret dienen will.

WIE FUNKTIONIERT SOZIALE SELBSTORGANISATION?

    Lange Systemabhängigkeit mindert die sozialen Selbstorganisationsfähigkeiten einer Gesellschaft. Lange Gewaltherrschaft zerstört diese Fähigkeiten fast vollständig. Eine Bevölkerung, die generationenlang zu gehorchen gelernt hat, muss erst wieder lernen, sich selbst zu organisieren. Selbständiges Denken, gewaltfreie Kommunikation, empathische Verbindung, soziale Verantwortung, freiwillige Anerkennung natürlicher Authorität und unzählige andere soziale Fähigkeiten wurden den meisten Menschen weder im Elternhaus noch in der Schule beigebracht. Im Gegenteil, Herrschaftssysteme beruhen genau darauf, dass sie soziale Kompetenzen von Kindheit an systematisch unterbinden und haben dafür im Laufe der Zeitalter immer ausgefeiltere Erziehungstechniken entwickelt. "Teile und herrsche!" ist ein typisches Beispiel: Eine Bevölkerung wird zu konkurrierenden Egoisten erzogen, die psychisch in ihrem jeweiligen kleinen Ich isoliert werden und lernen, die anderen Egoisten ringsum als Konkurrenten im sozialen Wettbewerb um begrenzte Ressourcen zu sehen. So kann eine kleine, gut organisierte Herrscherelite spielend eine riesige Bevölkerungsmehrheit von organisationsunfähigen Asozialen regieren. Dazu sorge man als Herrscher noch dafür, dass die Bevölkerung infantil gehalten wird, indem man sie an der vollständigen emotionalen und mentalen Reifung hindert, so dass sie wie Kinder von ihren Eltern weiterhin vom Herrschaftssystem abhängig bleiben. Und schliesslich nutze man systematische Indoktrination durch Religion, Ideologie, Propaganda oder sogar ein ausgefeiltes Schulsystem, um den Beherrschten einen Glauben ins Hirn zu pflanzen, der sie in ihrer ausbeutbaren gesellschaftlichen Position fixiert. Durch gezielte Indoktrination kann man die Beherrschten sogar dazu bringen, sich selbst durch ein schlechtes Gewissen zu kontrollieren und einander zu bespitzeln und zu denunzieren. Eine solche Bevölkerung mag der jeweiligen Herrschaft sehr dienlich sein, will man aber auf dieser Ausgangsbasis eine selbstorganisierte Gesellschaft neuaufbauen, wird man nicht umhin kommen, den systematisch über Generationen Entsozialisierten im Nachhinein eine soziale Ausbildung zukommen zu lassen, die sie überhaupt erst zur sozialen Selbstorganisation befähigt. Ansonsten hat man es nur mit dem üblichen revolutionären Mob zu tun, der sich einfach nur einen neuen Herrscher aus der eigenen Mitte zum populistischen Tyrannen wählt. Die zentrale Frage hier ist also, welche Grundfähigkeiten in einer systematischen Ausbildung zur sozialen Selbstorganisation mit enthalten sein sollten.

Persönliche Selbstermächtigung

    Der erste und wichtigste Schriit zur sozialen Selbstorganisation ist die Selbstorganisation des eigenen Lebens, bevor man sich mit seinen Domestikationskrankheiten überhaupt einem Gemeinschaftsleben zumutet. Und die Grundvoraussetzung dafür ist die volle Aktivierung des freien Eigenwillens. Die meisten gezähmten Menschen wissen kaum, was das eigentlich ist und verwechseln ihren andressierten Egoismus mit Eigenwillen. Nichts könnte falscher sein, da das Ego eine soziale Rolle ist und nichts mit echtem Selbstbewusstsein zu tun hat. Selbstbewusstsein zeigt sich mental in einer kritischen Selbstreflektion, die zur "Metakognition" führt, der Fähigkeit sich aus einer Vogelperspektive heraus selbst betrachten und aus den gewonnen Einsichten über das eigene Wesen heraus das eigene Verhalten sinnvoll im eigenen Interesse steuern zu können. Emotional zeigt sich eigenwilliges Selbstbewusstein durch Herzensrufe, die in einem schlummernden individuellen Neigungen, Talente und Fähigkeiten zu entfalten. Ein selbstbewusster Mensch tut eigenwillig, was er am meisten liebt. Ein egoistischer Mensch dagegen tut, was das System und die soziale Rolle von einem fordert, um erfolgreich in der jeweiligen Gesellschaft zu sein, egal ob einem das gefällt oder nicht. Er ist fremdbestimmt und hat sich selbst längst an die Fremdbestimmung verraten und verkauft. Für selbstorganisierte Gemeinschaften sind Egoisten der sichere Tod, so dass gesunde Sozialisierung und wachsendes Selbstbewusstsein bei jeder Gründung eines gemeinsamen Sozialwesens immer Hand in Hand gehen sollten. Um den eigenen Eigenwillen kennenzulernen und voll zu entfalten, habe ich einen einfachen "Eigenwillencheck" entwickelt: Dabei geht es darum, in der eigenen Erinnerung von Kindheit an bis heute alle wesentlichen, lebensverändernden Entscheidungen, die man je gefällt hat, daraufhin zu überprüfen, ob man sie als Herzensentscheidung aus wirklichem echtem Eigenimpuls gefällt hat oder aber durch fremdbestimmten Druck oder Erwartung von aussen, etwa den Vorstellungen der eigenen Eltern oder Vorgesetzten oder den vorgegebenen Systemstrukturen. Bei jeder Entscheidung, bei der man feststellt, dass sie klar fremdbestimmt ist, sollte man sich dann fragen, wie denn eine eigenwillige Entscheidung ausgesehen hätte oder aussehen würde, wenn man sie jetzt im Nachhinein korrigiert. Dann sollte man sich eine Lebensstrategie überlegen, von der bisherigen Fremdbestimmung zu zunehmendem Eigenwillen überzugehen. Je mehr man so Entscheidung um Entscheidung sein Leben aus den Händen anderer heraus in die eigenen Hände nimmt, desto authentischer wird man eine Gemeinschaft mitgründen und mittragen können und sie durch die sich frei entfaltenden dürfenden eigenen einzigartigen Talente bereichern. Der eigene Eigenwille kann sich dann in der Auseinandersetzung mit dem Eigenwillen der anderen Gruppenmitglieder in eine selbstgewählte Gruppenrolle bewegen, die miteinander unter freien, selbstbestimmten Menschen ausgehandelt wird. So wird man für sein einzigartiges Selbstbewusstsein sozial geschätzt. Um sich nun aber von der ursprünglichen Fremdbestimmung überhaupt konsequent zu freiem Eigenwillen hinbewegen zu können - oft gegen immensen inneren und äusseren Widerstand der eigenen Gewohnheiten und der nach wie vor existierenden Systemherrschaft - empfehle ich, regelmässige Selbstermächtigungsrituale durchzuführen, in denen man sich SELBST gezielt in seine volle Kraft bringt. Wie das genau geht, beschreibe ich in einem der Links zu speziellen Techniken am Ende dieser Anleitung. Und natürlich kann man solche Rituale auch in das Gemeinschaftsleben einbringen und so einander ganz gezielt in der eigenen Selbtermächtigung beflügeln.

Soziale Kompetenz in Nachreifungsgruppen

    Nach der Einübung des freien Eigenwillens gilt es nun auch echte, authentische Sozialität einzuüben, die die meisten gezähmten Menschen nie voll lernen durften, da selbstorganisierte Sozialwesen jede von oben verordnete Systemherrschaft unterminieren und in ihrer Existenz bedrohen. Hierfür empfehle ich, jede Art von Gemeinschaftsgründung als "soziale Nachreifungsgruppe" zu beginnen, in denen alle Gruppenmitglieder überhaupt erst einmal die sozialen Kompetenzen ausbilden dürfen, die sie als Kinder nie voll gelernt haben. Diesen Entwicklungsschritt sollte man ganz gezielt in der meist noch von Euphorie getragenen Gründungsphase machen, da hier noch die Begeisterung dafür vorhanden ist, die in der sonst üblichen Ernüchterungsphase während der weiteren Gemeinschaftsentwicklung deutlich schwindet. In der Nachreifungsgruppe kann man einanders Eigenwillen befügeln und sinnvoll ins gemeinsame Sozialleben integrieren, auftauchende Konflikte miteinander lösen, einander authentisch kennenlernen und Vertrauen aufbauen, sich aufeinander einschwingen und miteinander Hand in Hand zusammenarbeiten lernen, bis das gemeinsame Sozialwesen wie ein gesund in allen Lebenslagen selbstorganisierender, alle auftauchenden Herausforderungen meisternder Organismus agiert. Wenn ein solches WIR sich so anfühlt, dass ICH mich von Herzen gerne darin einbringe, ist der Nachreifungsprozess erfolgreich abgeschlossen.

Traumaheilung

    Domestizierte Menschen sind durch ihre unfreiwillige Zähmung für gewöhnlich tief erziehungstraumatisiert, ganz zu schweigen von den nie voll verarbeiteten Kollektivtraumata durch unzählige Kriege und andere Katastrophen, die sie unbewusst geerbt haben plus der persönlichen Traumata, die ihnen von anderen Traumatisierten im Laufe des Lebens angetan wurden. Meist sind diese Traumata verdrängt und wollen vergessen bleiben, aber sie sind noch tief im Körpergewebe gespeichert und haben die Neigung, unter Stress oder in Trigger-Situationen von dort aufzusteigen und sich an anderen Menschen auszulassen. Deshalb ist es unerlässlich, sie gründlich aufzuarbeiten und auszuheilen, um sie nicht das Gruppenleben vergiften zu lassen. Genau dafür ist die soziale Nachreifungsgruppe der ideale Ort, wo man sich gegenseitig bei der Heilung unterstützen und stärken kann. Dafür ist es zunächst einmal notwendig, dass man sich bereit erklärt, einanders Schwachpunkte zu spiegeln. Man selbst übersieht gerne die eigenen Dämonen, erkennt die Dämonen anderer aber recht gut. Hier wirkt eine ehrliche Kommunikation unter Freunden Wunder, einem für die eigenen blinden Flecken die Augen zu öfnnen. Wenn man sich in einer solchen Kommunikation stark getriggert fühlt, kann man sicher davon ausgehen, dass die gemachte Aussage ins Schwarze getroffen hat. Schaut man dann genau ins Schwarze, dahin, wo´s richtig wehtut - dort ist Heilung notwendig. Es macht Sinn, sich als Gruppe professionelle therapeutische Unterstützung für die Traumaaufarbeitung zu suchen und sich vom Therapeuten auch zeigen zu lassen, wie man sich gegenseitig gut bei der Heilung unterstützen kann. Generell wird es für die ganze Gruppe und jeden Einzelnen sehr hilfreich sein, sich über diverse Medien zum Thema "Heilung und Selbstheilung" zu informieren, da man weiterhin in einer hochgradig traumatisierten Gesellschaft lebt, wo man es immer wieder mit chronischem Seelenleid und ausbrechenden Traumadämonen zu tun haben wird. Je besser man damit umgehen kann, desto eher wird man sein eigenes neugewonnenes Heil auch in herausfordernden Situationen beibehalten können.

Empathische Verbindung

    Wesentlicher Bestandteil des sozialen Nachreifungsprozesses ist der Aufbau einer empathischen Verbindung miteinander. Viele Gemeinschaftsgründungen beginnen als Interessengruppen auf der Grundlage gemeinsamer mentaler Ideen, etwa als Ökogemeinschaft mit verbindendem grünem Weltbild oder als spirituelle Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Glauben. Das ist aber noch lange keine echte Herzensgemeinschaft, sondern ein Forum für gemeinsame Kopfspiele. Daher ist es unerlässlich, ins eigene Herz zu gehen und die anderen darin zu spüren und zu verankern und so ein gemeinsames Herzensfeld zu bilden, das sehr viel tragfähiger ist als die Einigung durch eine mentale Idee. Um Herzensverbindungen aufzubauen und zu stärken bieten sich zum einen gemeinsame Gruppenrituale an, in denen man sich aufeinander einschwingen kann, etwa durch gemeinsames Musizieren, Meditieren oder Teamarbeit sowie zum anderen die gemeinsame Meisterung von sozialen und persönlichen Herausforderungen, die einem das Gefühl gibt, sich in der Gemeinschaft herzlich angenommen zu fühlen. Je stärker das gemeinsame Herzensfeld ausgebildet ist, desto resilienter wird die Gemeinschaft gegen auftauchende innere Konfliktpotentiale und äussere Systemdrücke. Wenn Menschen gelernt haben, empathisch miteinander umzugehen, brauchen sie im übrigen auch keine Moral als mentales Hilfskonstrukt mehr, sondern können aus dem Herzen heraus eine viel gesündere Mitmenschlichkeit entwickeln als es der ausgeprägteste Moralist je könnte.

Kommunikationskultur ausbilden

    Ebensfalls in der Nachreifungsgruppe gut einübbar ist eine gewaltfreie, authentische und hochentwicklte Kommunikationskultur, wie sie für basisdemokratische Stammesgemeinschaften üblich ist. Das heisst, das man möglichst nur aus dem Herzen heraus spricht und nur das Wesentliche sagt. Geistloses Plappern, damit der Raum nur irgendwie akkustisch gefüllt wird, kann man sich ebenso sparen wie narzistische Selbstdarstellung oder ideologischen Kopfmüll. Das gilt um so mehr, wenn es nicht um alltägliche Gespräche geht, sondern um gemeinsame Entscheidungen in der Runde, etwa in einem basisdemokratischen Plenum. Wer schon einmal auf typischen Plena war, etwa in der linken Szene, die eigentlich Wert auf Egalität legt, wird ein Lied davon singen können wie zeitraubend und ermüdend die ganzen Selbstdarstellungen, das unwesentliche Gelaber, die Unfähigkeit, anderen wirklich zuzuhören usw. ist. In einer indigenen Stammesgemeinschaft ist die Grundregel, nur zu sprechen, wenn man der Gemeinschaft eine wichtige Information oder Inspiration geben kann und ansonsten zu schweigen und den anderen Rednern aufmerksam zu lauschen, damit man nichts Wichtiges verpasst, denn hier hat jedes gesprochene Wort tatsächlich Gewicht und sollte zur gemeinsamen Entscheidungsfindung von allen wohlüberlegt abgewogen werden. Vor den anderen zu Sprechen ist ebenso eine Würde und Ehre wie ihnen Zuzuhören und von ihnen zu lernen. Wer eine solche Würde nicht konsequent entwickeln, sondern weiter ungeordnete Gedanken, nichtreflektierte Gefühlslaunen oder von Dritten vorgekaute Ideologien ausplappern will, sollte sich einem basisdemokratischen Plenum nicht zumuten. "Sprich wahrhaftig oder schweige!" ist hier die goldene Regel. Um eine solche Kommunikationskultur einzuüben kann man in der sozialen Nachreifungsgruppe regelmässig Plena mit Supervision abhalten und sich darin in konstruktiver Kritik gegenseitig in seiner Kommunikationskultur spiegeln und verbessern.

Kompetenzhierarchie anerkennen

    Eine der wichtigsten Lernaufgaben für eine soziale Nachreifungsgruppe ist erfahrungsgemäss das Anerkennen einer selbstorganisierten Kompetenzhierarchie. Das Problem hier ist, dass viele Gemeinschaftsgründungen, insbesondere jene mit einer politisch linken Ideologie eine völlig falsche Vorstellung von einer "eglitären" Gesellschaft haben. Das bedeudet nämlich keinesfalls, dass alle den gleichen sozialen Status haben. Es bedeudet schlicht, dass alle im Kreis auf gleicher Augenhöhe sitzen und jeder Mitspracherecht hat. Aber den Älteren wird deutlich mehr Lebenserfahrung zugebilligt, die sie als guten Rat in die Gemeinschaft einbringen können und wer Meister in einer bestimmten Fähigkeit oder Fertigkeit ist, geniesst eine hohe berufliche Anerkennung. Die Jüngeren, die noch ins Gemeinschaftsleben hineinwachsen, halten sich in Gesprächsrunden eher zurück und lauschen und lernen lieber, weil sie noch nicht viel gewichtigen Rat ins Sozialleben einbringen können. Je kompetenter jemand sich für gemeinsame Entscheidungsfindungen erweist, desto mehr sogenannte "natürliche Authorität" wird ihm von den anderen aus freiem Eigenwillen heraus zuerkannt und desto höher ist dementsprechend sein sozialer Status in der jeweiligen Kompetenzhierarchie. Wird die erwartete Kompetenz aber nicht erbracht, wird der soziale Status automatisch gemindert. In einer authentischen Stammesgemeinschaft hat nicht einmal der gewählte Häuptling Macht in dem Sinne, das er über andere Stammesmitglieder bestimmen könnte. Die Unterscheidung von Machtposition in einer von oben verordneten Machtpyramide und Kompetenzstatus in einer von unten anerkannten Kompetenzhierarchie ist insbesondere für politisch rechte oder traditionell konservative Gemeinschaftsgründungen interessant. Viele heutige Gemeinschaften funktionieren nicht oder nur sehr schlecht, weil sie z.B. einen machtbesessenen Alpha-Führer haben wie etwa einen Sektenguru, der abhängige Jünger um sich schart oder einen Privatbesitzer des Gemeinschaftslandes, der bestimmt, wer kommen darf und gehen muss. Solche Machtstrukturen sind von vornherein klar abzulehnen, weil sie keine wirklich selbstorganisierte Gemeinschaft repräsentieren, sondern das Herrschaftssystem, das hier die alternative Szene mit seinem Ungeist unterwandert. Um in der Nachreifungsgruppe ein Gefühl für natürliche Authorität zu entwickeln, kann man Energiespiele im Kreis spielen, etwa in Form eines Brainstormings, in dem in freier Diskussion jeder Ideen einbringen kann. Wenn man empathisch bereits verbunden genug ist, wird man schon an der Körperhaltung seiner Gesprächspartner erkennen können, in wem gerade die Energie einer sich mitteilen wollenden Idee aufsteigt und kann dem energiereichsten in der Runde das Gespräch überlassen, so dass immer die neuesten Ideen mit der grössten Begeisterung vorgetragen werden und sich das Gesprächsniveau so immer weiter nach oben schaukeln kann.

Basisdemokratie lernen

    Ist das Prinzip der Kompetenzhierarchie in der sozialen Nachreifungsgruppe gut verinnerlicht, kann man sich an die Errichtung einer echten Basisdemokratie machen, die ohne Anerkennung von natürlicher Authorität nicht funktioniert. Anders als in der verwässerten Pseudodemokratie heutiger Massengesellschaften entscheidet in der Basisdemokratie keine Mehrheit, die eine Minderheit überstimmt und es wird auch nicht unter Verhandlungspartnern eine Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner erzielt, sondern die GESAMTE GEMEINSCHAFT entscheidet sich EINSTIMMIG. Dazu muss jeder gehört und berücksichtigt werden, Sonderregelungen für Minderheiten entwickelt und so lange miteinander unter Freunden verhandelt werden, bis alle bereit sind, die gemeinsame Entscheidung auf dem grösstmöglichen gemeinsamen Nenner miteinander zu fällen und in all ihren Konsequenzen zu tragen. Hier wird niemand überstimmt, sondern alle miteinbezogen. Auch dies lässt sich in der Nachreifungsgruppe in basisdemokratischen Plena gut einüben.

Kokreatives Kulturschaffen

    Nach all diesen enorm wichtigen Vorübungen zur Gruppenbildung an sich geht es dann sehr praktisch um konkrete Kolaboration im Alltagsleben der Gemeinschaft, um basisdemokratisch ausgehandelte Arbeitsteilung und Zusammenarbeit, mit der alle wesentlichen Gemeinschaftsaufgaben bewerkstelligt werden können. Dies ist bereits der erste Schritte zu einem autonomen Kulturschaffen, mit der die Gruppe sich ihre eigenen Gepflogenheiten, Begrifflichkeiten und Umgangsformen schafft. Von freier Natur her schaffen Menschen sich ihre eigene Kultur. Dies wird ihnen in herrschenden Systemen weitgehend verwehrt, sondern es wird ihnen eine vorfabrizierte Kultur von den Herrschenden vorgesetzt. Die Eliten kaufen sich Künstler, um von ihnen eine herrschaftskonkorme Hochkultur produzieren zu lassen, die das System verherrlicht und dann als allgemeine Zivilisiertheit ausgegeben wird. Dabei ist diese angebliche Hochkultur aber nur die schöne Schminke, die die eigentliche Barbarenfratze der Herrschaft überdecken soll. Die eigentlichen Genies unter den Künstlern, die wirkliche Hochkultur erschaffen, stehen meist als Vogelfreie auf den Fahndungslisten der jeweiligen Elite, weil sie für kreative Freiheiten eintreten, die das System auf keinen Fall akzeptieren will. Solche Künstler darf man sich gern als Vorbild für echtes, eigenes Kulturschaffen nehmen. Und ansonsten macht es einfach eine helle Freude, in Arbeit, Spass und Spiel seine eigene Gruppenkultur zu entwickeln und sich persönlich als einfallsreicher Mitschöpfer einzubringen.

Gesellschaftliche Vernetzung

    Da man als Gemeinschaft nicht alleine auf der Welt ist, sondern Teil einer grösseren Gesellschaft, lohnt es sich, sich mit anderen Gruppen, die den Weg der sozialen Selbstorganisation gehen, gezielt zu vernetzen.
Wobei hier nicht in erster Linie die Gründung eines digitalen sozialen Netzwerkes gemeint ist, obwohl man diese Option natürlich für die Vernetzung auf Distanz nutzen kann und heutzutage auch nutzen sollte, sondern es ist vorrangig ein analoges soziales Netzwerk mit echten menschlichen Begegnungen gemeint. In einem solchen Netzwerk kann man sich menschlich angenehm vergeselligen, dabei Erfahrungen, Ideen und Kompetenzen auszutauschen, Zusammenarbeiten planen und Strategien miteinander entwickeln, konstruktiv in die grössere Gesellschaft hineinzuwirken, um die neuentstehende Kultur sozialer Selbstorganisation zu verbreiten. So kann man etwa gemeinsame Ausbildungsprojekte starten, mit denen man Interessierten die Gründung von sozialen Nachreifungsgruppen und nachfolgenden Gemeinschaften kompetent vermittelt. Man kann gemeinsame Treffen aller Arten für alle sozialen Zwecke miteinander selbstorganisieren, insbesondere Gatherings (s.u.), auf denen man eine gemeinsame Selbstorganisationskultur gründen und einüben kann und die Möglichkeit hat, neue Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. Das Netzwerk ist auch der ideale Ort, um autarke Wirtschaftskreisläufe miteinander zu schaffen und sich damit vom herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem zunehmend unabhängig zu machen. Das gilt auch für die Schaffung einer alternativen Gesellschaftsstruktur im selbstorganisierten Netzwerk. Während man sich im sozialen Netzwerk bewegt und agiert, kann man dabei gleichzeitig die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Netzwerken trainieren und dadurch ein immer besserer Netzwerker werden.

WELCHE KONKRETEN VERWIRKLICHUNGSSCHRITTE
BRAUCHT SOZIALE SELBSTORGANISATION?


1.: GATHERING

    Selbstorganisierte Sozialisierung beginnt mit einer Zusammenkunft, die in alternativen Kreisen auch gerne "Gathering" genannt wird, ein Begriff, der ursprünglich für die Zusammenkünfte der indigenen Stammesgemeinschaften Nordamerikas verwendet wurde. Da soziale Selbstorganisation für solche Stammesgemeinschaften typisch ist und uns daher als Vorbild für die Gründung eigener selbstorganisierter Sozialwesen dienen kann, ist es zu empfehlen, unsere Zusammenkünfte tatsächlich im Geiste eines Gatherings zu verwirklichen: Unser Stamm kommt zusammen!
    Welcher Stamm denn nun eigentlich? Noch haben wir ja keinen. Der beste Start wird daher sein, gleichgesinnte Freunde und Bekannte zusammenzutrommeln und für die Idee zu begeistern. Darüberhinaus wird es sich lohnen, bisher noch unbekannte Interessierte einzuladen, sich zur sozialen Interessengemeinschaft zusammenzufinden, um einander näher kennenzulernen. Es mag sinnvoll sein, Einladungen in bestimmten Kreisen zu veröffentlichen, von denen man sich einen hohen Prozentsatz von Interessenten erwartet. Die Zahl der Eingeladenen sollte die maximale Stammesgrösse von ca. 150 Mitgliedern (Dunbar-Grösse) nicht überschreiten, am besten geeignet für die Zwecke der Einübung sozialer Selbstorganisation sind eher kleinere Gruppengrössen von wenigen Dutzend Menschen. Zeitlich kann das Gathering von einigen Stunden über einige Tage bis mehrere Wochen gehen, je nach bezweckter Absicht. Ein abendfüllend kurzes Gathering kann dem ersten Kennenlernen neuer Gesichter dienen sowie der Selektion in Frage für weitere Gatherings kommender Interessenten. Ein mehrtägiges Gathering, etwa über ein Wochenende  oder traditionell dreitägig über Vollmond, Sonnwende oder Tag-und-Nachtgleiche, kann der Vertiefung der sozialen Verbindungen miteinander dienen, eine Vertrauensatmosphäre schaffen und den Stamm einen. Ein mehrwöchiges Gathering kann als soziale Ausbildungsstätte dienen, in denen in bewussten Begegnungen und angebotenen Workshops gezielt soziale Kompetenzen vermittelt und gemeinsame Kollaboration und Kokreation eingeübt werden kann. Der Stamm bringt sich selber soziale Selbstorganisation bei. Es kann hierfür sehr hilfreich sein, sich für Workshopangebote auch externe Spezialisten für soziale Kompetenz einzuladen, von Teambuildern über Prozessbegleiter und gewaltfreie Kommunikatoren bis hin zu indigenen Gästen, die ihre authentische Kultur zu teilen bereit sind. Da Stämme sich nicht nur einmalig, sondern regelmässig treffen, wird es auch sinnvoll sein, für den zu gründenden Stamm regelmässige Gatherings einzuberufen, jeweils kürzer bis länger je nach Bedarf des Voranbringens zunehmender sozialer Selbstorganisation. Wenn man Gatherings zum erweiterten Netzwerken nutzen und die Idee der Gatherings weiter in die allgemeine Gesellschaft hineintragen will, kann man auch Gatherings veranstalten, die deutlich die Stammesobergrenze überschreiten, wie es etwa bei den internationalen Gatherings der Rainbow-Hippies mit mehreren tausend Teilnehmern üblich ist. Hier sollte allerdings eine erfahrene Kerngruppe von Organisatoren auch tatsächlich in der Lage sein, eine Masse von in der sozialen Selbstorganisation Unerfahrenen sinnvoll anzuleiten und einzuweihen, sonst hat man kein Treffen der Stämme, sondern einen narzistischen Festivalmob, wie in der Rainbowszene als warnendes Beispiel immer wieder zu beobachten ist.
    Für ein Gathering braucht man natürlich einen Treffpunkt, den man frühzeitig organisieren und für das Gathering vorbereiten sollte. Man sollte die notwendige Infrastruktur für Essen, Trinken, Ausscheiden, Waschen, Übernachten und alle weiteren menschlichen Grundbedürfnisse stellen. Das ganze will gut durchgeplant sein, am besten mit der Aktivierung von Helfern für anfallende Vorbereitungsarbeiten, Gemeinschaftsaufgaben und dem Veranstaltungsabbau. Ebenfalls wichtig ist eine solide Finanzierung für anfallende Kosten, am besten auf Spendenbasis, z.B. vor der Veranstaltung als Crowdfunding oder auf laufender Veranstaltung mit einem Spendenhut, der herumgereicht wird. Für regelmässige Treffen kann man sich einen dauerhaften Zusammenkunftsort suchen und die Infrastruktur auf Dauernutzung anlegen. Oder man gründet aus regelmässigen Gatherings heraus eine Lebensgemeinschaft oder ein anderes soziales Projekt, dessen Gelände man auch für Zusammenkünfte nutzen kann. Wenn ein Gathering so beliebt ist, dass es im Laufe der Zeit um immer weitere Mitglieder anwächst, wird es sinnvoll sein, sich als Mutterstamm entweder zu teilen oder aber Töchter zu bilden, d.h. Neuhinzukommendewollende anzuregen und auszubilden, mit Freunden eigene Gatherings zu veranstalten. So kann die Stammessozialisierung der Gatherings sich in die Gesellschaft hinein verbreiten, ohne dass die heimelige Stammesobergrösse der einzelnen Gatherings überschritten wird. Dabei kann und sollte dennoch ein regelmässiger Besuch beim Nachbarstamm oder ein Treffen der Stämme auf einem grösseren überregionalen Gathering üblich sein, um sich fruchtbar auszutauschen und miteinander zu Netzwerken.

2.: NETZWERK

    Die Kontakte, die man auf Gatherings knüpfen kann, kann man auch ausserhalb der Gatherings als soziales Netzwerk nutzen. Für Freundschaften, Bekanntschaften, Partnerschaften, Informationsaustausch, Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und dergleichen mehr. Da jedes Mitglied des Netzwerks auch Menschen kennt, die man selbst nicht kennt, und diese ihrerseits wieder neue Menschen kennen, ist man über das eigene Netzwerk letztlich mit der ganzen Tiefe der Gesellschaft im Hintergrund verbunden und kann auf deren geballte Schwarmintelligenz zurückgreifen. Das engere Netzwerk allerdings ist das wortwörtlich tragfähigere Netz, auf das man sich konzentrieren sollte, denn es kann einen tragen, ernähren, beschützen und sinnvoll einbinden, wenn das grössere Gesellschaftssystem im Hintergrund kriselt oder kollabiert. Das soziale Netzwerk ist die stabile Basis einer Parallelgesellschaft, die sich im Schatten eines (noch) herrschenden Systems bilden kann, um dieses schliesslich abzulösen, wenn seine Zeit gekommen ist, wie dies etwa beim Kollaps der Sowjetunion zu beobachten war, wo sich im gesellschaftlichen Untergrund schon Jahre vorher tragfähige soziale Netzwerke als Alternativen zu formen begonnen hatten. Im sozialen Netzwerk lassen sich über Arbeitsteilung, Kooperativen, Tauschwirtschaft, Schenkökonomie, Unternehmerschwärme und mehr dergleichen alternative Wirtschaftskreisläufe aufbauen, die Wertschöpfung weitgehend innerhalb des Netzwerks halten und so einander nähren, aufbauen und beflügeln können, egal was der Rest der Gesellschaft derweil treibt. Im sozialen Netzwerk kann man sich auch gemeinsam um das Kinderhüten, die Altenpflege, die Weiterbildung und andere soziale Aufgaben kümmern. Das Netzwerk sollte eigentlich alles im Kleinen können, was eine Gesellschaft im Grossen leisten sollte, um sich zu erhalten und zu entfalten. Schliesslich geht es, wie gesagt, um nicht weniger als die Gründung einer Parallelgesellschaft, die letztlich fähig sein sollte, ein kollabierendes Herrschaftssystem erfolgreich zu ersetzen. Um das Netzwerk überhaupt in diese Lage zu versetzen, gilt es derweil auf Gatherings die soziale Kompetenz und Kokreativität zu lernen und einzuüben, mit der man dann das Netzwerk konkret miteinander weben und tragfähig machen kann.

3.: LEBENSGEMEINSCHAFT

    Das eigentliche Ziel eines sich wieder neu etablierenden Stammeslebens wird die Gründung einer Lebensgemeinschaft sein. Die auf Gatherings und im Netzwerk  geknüpften Kontakte lassen sich zur Selektion geeigneter Mitbewohner bestens nutzen. Die gemachten Erfahrungen sind der wertvolle soziale Grundstock, den man in die Lebensgemeinschaftsgründung einbringen kann. Zum Start des Gemeinschaftslebens ist aber ganz unbedingt die Etablierung einer sozialen Nachreifungsgruppe zu empfehlen (wie oben beschrieben), um für das eigentliche Gemeinschaftsleben sozialisierungsfähig und traumafrei zu werden. Wobei die Nachreifung natürlich während des schon anlaufenden Gemeinschaftslebens stattfindet und in das Gruppenleben als Sozialisierungsworkshops, Heilungssitzungen, Redekreise u.ä. integriert werden kann. Sie dauert so lange, bis alle Gemeinschaftsmitglieder das Gefühl haben, dass sie jetzt zum Stamm zusammengewachsen sind und gelernt haben, alle aufkommenden sozialen Herausforderungen eingespielt miteinander meistern zu können. 
    Die Lebensgemeinschaft ist natürlich auch Wohngemeinschaft. Als solche sollte sie sowohl Gemeinschaftsräume als auch Intimsphären bieten, so dass sich die  Gemeinschaftsmitglieder frei entscheiden können, wann sie sich sozialisieren und wann ins Private zurückziehen wollen. Eine Wohngemeinschaft, die wirklich eine Stammesgemeinschaft repräsentieren soll, sollte aber mehr als nur einige wenige Personen umfassen, wie dies für Wohngemeinschaften in Mehrzimmerwohnungen üblich ist. Es sollte schon mindestens ein Zwei-, eher Dreifamilienhaus sein oder mehrere nebeneinander liegende Appartments in einem städtischen Wohnblock. Am besten geeignet ist natürlich ein Bauernhof, wo man ausserdem noch nutzbares Land für die Gemeinschaftsselbstversorgung hat. Ausserdem sind die Grundstückspreise und Mieten in ländichen Gebieten meist deutlich günstiger als in der Stadt. Wer´s einfacher und natürlicher halten will, kann auch ein geeignetes Gelände als Wagenplatz pachten oder ein Tipi- und Jurtendorf errichten. Eine Gemeinschaft mit zehn bis dreissig Menschen zu gründen, ist ein guter Anfang und dann können gerne noch selektierte Neuzugänge hinzukommen. Wichtig für ein gesundes Gemeinschaftsleben ist, dass alle Generationen vorhanden sind und zusammenarbeiten, von Kindern über Erwachsene bis zu den Alten. Während die Erwachsenen ihrem Tagewerk nachgehen, können die Alten sich um die Kinder kümmern und ihnen ihre Lebensweisheiten vermitteln. Tägliche Aufgaben  wie Kochen, Waschen, Putzen usw. können arbeitsteilig viel effizienter von wenigen Händen bewerkstelligt werden als wenn jeder Einzelne das für sich selbst erledigen müsste. Überhaupt ist Gemeinschaftsleben an sich sehr viel effizienter als das Kleinfamilien- oder Singleleben, so dass sich die einzelnen Gemeinschaftsmitglieder zeit-, kosten- und arbeitstechnisch deutlich entlastet fühlen werden. Nicht zu sprechen vom enormen Zugewinn an sozialer Lebensqualität.
    Als Gemeinschaft kann man dann im Alltagsleben die sozialen Kompetenzen beweisen, die man in der Nachreifungsgruppe gelernt hat und sollte das Gemeinschaftsleben weiter festigen, in beständiger Kommunikation miteinander bleiben, regelmässige Redekreise halten und Gemeinschaftsfeste feiern, Stammeskultur schaffen und sich in die weitere Gesellschaft hinein vernetzen.


4.: ORGANISATION

    Um als Netzwerk oder Gemeinschaft in der real existierenden Welt agieren zu können, mit all ihren Regeln und Gesetzen, kann es sinnvoll sein, gesetzlich anerkannte Körperschaften zu gründen, in deren Rahmen man gemeinschaftlich gegenüber dem Gesetzgeber und der Gesamtgesellschaft auftreten kann. Insbesondere interessant sind hier der Verein und die Stiftung.
    Im Rahmen eines Vereins kann man legal alle möglichen sozialen, gemeinnützigen Betätigungen ausführen, ohne dafür als steuerpflichtiger Gewerbetreibender zu gelten. Dem Verein können auch zuarbeitende Betriebe zugegliedert werden. So kann man etwa einen Permakulturverein gründen, der einen gemeinschaftlichen Bauernhof als nichtkommerzielles Permakulturprojekt betreibt und in einem angegliederten Unternehmen umliegende Felder hinzupachtet, um Biogemüse zur Vermarktung anzubauen. Der Verein kann sogar Fördermittel beantragen und erleichtert jede Art von rechtlicher oder geschäftlicher Verhandlung mit Dritten.
    Eine Stiftung ist insbesondere interessant, wenn ein reicher Förderer sein Geld in das Gemeinschaftsprojekt einbringen will, die Gemeinschaftsmitglieder aber die Abhängigkeit von einem allzu einflussreichen Gutsherren nicht wollen. Der Spender kann in diesem Falle sein Vermögen einer Stiftung überweisen, die als gesetzliche Körperschaft die Finanzierung des Gemeinschaftsprojekts verwaltet. Sollte er das nicht wollen, ist Vorsicht geboten, denn wie schon erwähnt, scheitern unzählige Projekte an der Dominanz eines Alpha-Tierchens.

5.: KOOPERATIVE

    Als Gemeinschaft will man natürlich auch von etwas leben. Luft und Liebe mögen kostenlos sein, aber der Magen will auch gefüllt werden. Daher steht automatisch die Frage des Einkommens im Raum. Es bietet sich natürlich zunächst an, dass die arbeitsstätigen Gemeinschaftsmitglieder weiter ihrer bisherigen Arbeit nachgehen und einen Teil ihres Einkommens dann in die Gemeinschaft investieren. Die Älteren können ihre Rente einbringen. Darüber hinaus können Gemeinschaftsmitglieder aber auch eine Kooperative gründen, in der sie Produkte miteinander herstellen oder Dienstleistungen anbieten. Sie können dabei jeweils ihren eigenen Gewerbeschein haben und als loser Unternehmerschwarm zusammenarbeiten oder aber mit der Kooperative als rechtlicher Körperschaft Angestelltenverhältnisse eingehen. Die Kooperative kann sich mit anderen Kooperativen selbstorganisierter Gemeinschaften und Netzwerke verbinden und ein eigenes Wirtschaftsökosystem bilden, das die selbstorganisierte Szene zunehmend unabhängiger vom kapitalistischen Raubtiersystem macht, den miteinander füreinander geschaffenen Wohlstand innerhalb der eigenen Subkultur hält und gezielt Regeln für ein nachkapitalistisches Wirtschaftssystem entwickeln kann. Dazu wird die ganzheitliche Wertschöpfung zählen, d.h. ein Produkt oder eine Dienstleistung sollte nicht nur rein ökonomische Werte schaffen, sondern gleichzeitig auch ökologische, soziale, kulturelle und sonstige menschliche Werte. Wirtschaftsleistung, Hochkulturschaffen, Naturschutz und menschliches Wohlbefinden können so einander befügeln. Natürlich sollten alle wirtschaftlichen Tätigkeiten nachhaltig sein, geschlossene Wirtschaftskreisläufe beinhalten und Verantwortung für alle entstehenden Konsequenzen übernehmen. Der geschaffene Wohlstand sollte dann breit verteilt werden, nicht nach dem kapitalistischen Prinzip der Gewinnmaximierung Einzelner auf Kosten Aller, sondern nach dem Prinzip des gemeinschaftlichen Gewinns von Allen für Alle. Die gemeinsam genutzten Betriebsstrukturen können als Gemeinbesitz gelten (Allmende) und in gemeinsamer Verantwortung getragen werden. Die Kooperative kann, insbesondere im grösseren Netzwerk mit anderen Kooperativen, auch Versicherungen für ihre Mitglieder bieten, Krankenversicherung, Unfallversicherung, Rentenversicherung usw. Im Falle der Erwerbslosigkeit können Gemeinschaftsmitglieder auch aus der Gemeinschaftskasse mitfinanziert werden. Überhaupt wäre eine allgemeine Gewinnbeteiligung zu überlegen, mit der alle Gemeinschaftsmitglieder an der Kooperative beteiligt sind, auch wenn sie nicht ausdrücklich für die arbeiten. Sie würden dann sinnvollerweise aber einen geringeren Anteil als die Erwerbstätigen erhalten, um die Leistungsmotivation der Wertschöpfenden hochzuhalten. Aber in dieser Wirtschaftsform, die ich gerne "Generative Wirtschaft" nenne, geht es ohnehin nicht um persönliche Gewinnmaximierung, sondern darum, allgemeinen Wohlstand für die Gemeinschaft und das weitere Netzwerk zu erwirtschaften.


6.: SCHWARM

    Aus dem erweiterten Netzwerk der Gemeinschaft lassen sich auch spontane Menschenschwärme für Schwarmaktionen bilden. Das können z.B. grössere gemeinschaftliche Bauaktionen sein, für die man einen Schwarm von Freunden und Bekannte einlädt, um etwa einen Bauernhof zu renovieren oder einen Brunnen zu bohren. Nach der gemeinsamen Arbeitsaktion kann man zu Feierabend dann ein Fest miteinander feiern, mit dem man sich für das gemeinsame Schaffen belohnt und den menschlichen Zusammenhalt stärkt. Man kann auch ein grösseres Festival oder Gathering miteinander organisieren, um einen Schwarm von Interessierten aus der grösseren Gesellschaft im Hintergrund anzuziehen und die Idee der sozialen Selbstorganisation damit gezielt zu verbreiten. Interessant sind Schwarmbildungen auch für politische Aktionen. Als Schwarm kann man sich über Internetforen spontan zu öffentlichen Auftritten verabreden. Wenn man etwa gegen einen gesellschaftlichen oder politischen Missstand protestieren will, kann man sich die übliche Massendemonstration vor einem Regierungsgebäude sparen, sondern z.B. eine Demonstration von tausend Teilnehmern in hundert Zehnergruppen aufteilen und überall in der ganzen Stadt durch originelle Aktionen auf sich und sein Anliegen aufmerksam machen. Das Potential von Schwarmbildungen ist in dieser und vielerlei anderer Hinsicht nich gar nicht voll erknnt und ausgeschöpft, um die Idee der sozialen Selbstorgnisation schnell und nachhaltig von kleinen Subkulturen in die Weite der Gesellschaft hineinzutragen. Das wird insbesondere wichtig werden, wenn das überalterte Herrschaftssystem endlich kollabiert und grosse, orientierungslose Menschenmassen über Schwarmaktionen schnell und effizient mit Informationen über bereits existierende bessere Alternativen versorgt werden können, um sie so alle miteinander von der kollabierenden Herrschaft weg in eine selbstorganisierte Gesellschaftsform hinüberzuziehen.

KONKRETE PROJEKTIDEEN

    Bisher war viel die Rede von generellen Strukturen sozialer Selbstorganisation. Uns soll hier zum Abschluss aber noch interessieren, welche ganz konkreten Projekte sich miteinander sinnvollerweise realisieren lassen. Hierzu ist zunächst eine gründliche Analyse zu empfehlen, wo und wie genau denn tatsächlicher gemeinschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Bedarf besteht. So ist etwa in der real existierenden westlichen Kultur die letzten Jahre ein enormer Mangel an sogenannten "dritten Orten", d.h. an analogen sozialen Treffpunkten entstanden, an denen sich Menschen ohne kommerzielle, ideologische oder sonstige nichtsoziale Interessen begegnen und austauschen können. Der Sozialclub im Zentrum der städtischen Nachbarschaft fehlt, um Kiezkultur zu schaffen. Der Dorfladen im ländlichen Raum ist verschwunden und kann als sozialer Treffpunkt wiederbelebt werden, nicht nur zum blossen Einkaufen, sondern auch zum gemeinsamen Kaffeetrinken, Gesellschaftsspiele spielen, Musik machen und sonstige soziale Aktivitäten pflegen. Auch soziale Ausbildungsstätten fehlen, wo insbesondere jüngere Menschen soziale Erfahrungen sammeln und Kurse für die Entwicklung spezieller sozialer Befähigungen besuchen können, wo sie z.B. lernen können, wie man Unbekannte anspricht, um neue Freunde zu gewinnen oder wie man sich als Jugendgruppe sein eigenes Jugendzentrum selbstorganisiert. Weiterhin kann es sehr sinnvoll sein, miteinander Permakulturprojekte zu realisieren, um sich einen Selbstversorgergarten mit gesunder Bionahrung zu schaffen, vom gemeinsam gepflegten Nachbarschaftsgarten im städtischen Hinterhof bis zum angepachteten Garten oder Feld im ländlichen Raum. Ebenso bietet sich die Gründung von Werkstätten an, wo man Werkzeuge, Maschinen und Werkbänke für verschiedenste handwerkliche Tätigkeiten zur gemeinsamen Nutzung oder Ausleihe vorfindet. Dies kann bis zum gemeinsam genutzen Gerwerbehof grösseren Stils reichen, wo man auch Fahrzeuge und Baumaschinen ausleihen kann. Für Büroarbeiter bietet sich die Einrichtung von Gemeinschaftsbüros mit kollektiv genutzter Infrastruktur an, wie sie für Online-Arbeiter und digitale Nomaden in Mode gekommen sind. Therapeuten und medizinische Berufe können eine Praxisgemeinschaft gründen. Künstler, Kulturschaffende und sonstige Kreative können sich zu Kulturkooperativen zusammenschliessen und gemeinsam genutzte Ateliers, Tonstudios usw. einrichten. So kann man für jede Beruftsgruppe spezifische Einrichtungen entwickeln, in denen man gemeinschaftlich in einem sozialen Umfeld mit geteilten Interessen arbeiten kann, mehr soziale Erfüllung im Berufsleben dadurch findet, sich Kosten spart und auch sonst sehr viel effizienter arbeiten kann. Für ländliche Gebiete bietet sich sogar die Vereinigung verschiedener Handwerks- und Dienstleistungsberufe unter einem Dach an, um der Dorfbevölkerung ein umfassendes Wirtschaftsangebot vor Ort anbieten zu können, so dass die Dörfler dafür nicht in die nächste Stadt gehen müssen oder gar landflüchtig gleich dorthin abwandern, während ihr Dorf ausstirbt. Auch der gezielte Aufbau von Infrastruktur für sozial selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, wie etwa die Renovierung von Bauernhöfen oder der Umbau von städtischen Häusern durch Zusammenlegen von Wohnungen für grössere Wohngemeinschaften kann hier sehr sinnvoll sein, um ganz gezielt zunächst einmal Lebensraum für die eigene Gemeinschaft zu schaffen und dann, wenn Bedarf besteht, mit weiteren Ausbauprojekten auch neuen Lebensraum für weitere selbstorganisierte Gemeinschaften zur Verfügung zu stellen. Welches gemeinsame Projekt man auch reaalisieren will, immer sollte die Frage im Vordergrund stehen, welchen konkreten Bedarf an sozialer Selbstorganisation man damit stillen kann und wie man mit seinen Tätigkeiten im lokalen und regionalen Netzwerk ein selbstbestärkendes autarkes Wirtschaftssystem aufbaut.
    Dies mag jetzt nur eine erste grobe Skizze mit einigen wenigen Beispielen der unendlichen Möglichkeiten konkreter Projektrealisierungen für soziale Selbstorganisation sein. Ich wünsche allen Aktivisten, die sich in diesem Bereich engagieren wollen, viel Fantasie und tatkräftige Kreativität. Lasst euch was Schönes einfallen! In diesem Sinne will ich nun diese Anleitung abschliessen und meinen Lesern das freie Feld der Möglichkeiten zum Ausleben ihres Tatendrangs überlassen.


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Die vorliegende Anleitung zur sozialen
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in der Ich Selbstorganisation als allgemeines
Ordnungsprinzip natürlicher Systeme,
gesunder Sozialisierung und persön-
licher Lebenserfüllung beschreibe:
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